Popkongress 2018 | Fünfzig Jahre Achtundsechzig – heute, gestern, zweitausendachtzehn, und wie weiter?

POP 68




Call for Papers | Popkongress 2018 | Die 10. Tagung der AG Populärkultur und Medien in der GfM

POP 68 50 2018

Fünfzig Jahre Achtundsechzig –
heute, gestern, zweitausendachtzehn, und wie weiter?
1. bis 3. Februar 2018 | HSU | Helmut-Schmidt-Universität
(Universität der Bundeswehr Hamburg).

Das Jahr 1968 bedeutet eine historische Zäsur. Es markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft: Der Spätkapitalismus hat in Hinblick auf die dynamische Stabilität von Produktionsverhältnissen, Produktivkräften und Ideologie seinen Höhepunkt erreicht; die Überflussgesellschaft erodiert und im wohlfahrtsstaatlichen »Westen« werden Krisenerscheinungen ökonomisch manifest (Ölkrise), während in weiten Teilen Afrikas ganze Bevölkerungen in Hunger und Elend dahinsiechen; politisch sind die Massendemokratien mit Legitimationsproblemen konfrontiert (welche die Herrschaftsstrukturen nachhaltig tangieren – Stichworte: APO, NSB, Die Grünen, Thatcherism, »Neoliberalismus« etc.), anderenorts, von Chile bis Kambodscha, regieren Diktatur und Terror (und dies zumeist mit der bestürzenden Lüge, die Freiheit zu verteidigen). Ende der 1960er-Jahre hat sich der Imperialismus unter Bedingungen des Postkolonialismus, der internationalen Konkurrenz und der beginnenden Finanzialisierung zum Globalkapitalismus transformiert.

Die Folgen für die Kultur und Künste, die sich seit Mitte der 1950er Jahre unter dem Vorzeichen von Pop konsolidieren, sind gravierend: Popkultur ist die allgemeine Kultur des Globalkapitalismus, und zwar gerade in der »Pop«-spezifischen Vermittlung von Ökonomie und Ästhetik beziehungsweise in der »Pop«-spezifischen Vermittlung von abstrakter Kapitallogik und konkretem Alltagsleben, Tauschwert versus Gebrauchswert (und man kann hinzusetzen: versus Gebrauchswertversprechen). »Pop« wird gesellschaftlich ubiquitär, und dies insbesondere im Bereich der Musik. Musik ist als sich mehr und mehr ausdifferenzierende so genannte populäre Musik im Medienverbund vor allem mit Film und Fernsehen einer enormen Kommerzialisierung und Kommodifizierung unterworfen, obwohl (oder gerade weil) sie ihren gesellschaftlichen Ausdruck in zahlreichen – »subversiv«, »dissident«, »provokativ« agierenden oder als derart interpretierten – Jugendsubkulturen hat. Das System der Kulturindustrie weitet sich in alle gesellschaftlichen, schließlich privaten Lebensbereiche aus – und dies weitgehend im Schein von »ästhetischen« wie auch »politischen« Strategien der Selbstermächtigung und Widerständigkeit: Gesellschaftlicher Konformismus erscheint als kultureller Nonkonformismus – ohne dass dieser Widerspruch für Irritationen sorgt (vielmehr erweist sich gerade an den sozialen Überformungen der Popkultur, dass und wie der Kapitalismus in der Lage ist, selbst noch die radikalsten Gegenkräfte zu integrieren und sich schließlich sogar zunutze zu machen).

Paradigmatisch dafür sind etwa das Woodstock-Festival oder Supergroups wie Led Zeppelin, Yes, The Who, Pink Floyd etc. Ebenso aber auch die Wandlungen der Unterhaltungsmusik (Schlager) und die technische Erweiterung der Distributionskanäle (Radio, Musik im Fernsehen als programmstrukturierend, Hi-Fi, Stereo, Musik als integraler Bestandteil der individuellen Lebensgestaltung: Style, Geschmack, Fantum, Distinktion etc.).

Ebenso paradigmatisch werden soziale und technische »Fortschritte« des Spätkapitalismus; in Stichworten: Die Schallplattenindustrie löst sich bereits in den 1950ern von der Filmindustrie; ökonomische Verbindung von Labels und Abspielgeräteherstellung; lebensweltliche Rückkopplung von Konsum, Technik, Ästhetik (»Sound«); Musikfernsehen, neue Formate (LP, CD), schließlich »mikroelektronische Revolution«, Digitalisierung und Computerisierung seit den 1980ern.

Die Ausweitung und Ausdifferenzierung des Musikbetriebs betrifft insofern auch die Kulturindustrie als Popkulturindustrie: Sie wird einerseits als »Industrie« verdichtet, stabilisiert und konzentriert in einem Konglomerat von Groß- und Einzelunternehmen, andererseits als »Kultur« zur allgemeinen Struktur des »whole way of life«.

Überdies verschränken sich Genres, Inhalte und Formen zum Medienverbund: Einerseits kann von einer Pluralisierung (und Individualisierung) der Kulturindustrie gesprochen werden (Punk, Disco, ›Star Wars‹, ›Dallas‹, Computerspiele, Techno, New Wave, ›Indiana Jones‹, ›Tatort‹, Kinderfernsehen etc.), die andererseits allerdings eine nachhaltige Bindung an – beschränkte, geschlossene – Programmsparten bedeutet (dies ökonomisch im Kontext der massiven Privatisierung bisher »öffentlich-rechtlicher« Bereiche der »Kultur«).

Ideologisch ist diese Entwicklung des Pop zur allgemeinen, allgegenwärtigen Kultur vom Umschlag der Moderne zur Postmoderne begleitet; ein Umschlag, der sich auch in der Theorie bemerkbar macht und schließlich den epistemologischen wie ökonomischen Boden bereitet für die Etablierung der heutigen Kultur- und Medienwissenschaften, die sich mit Phänomenen des Pop im weitesten Sinne beschäftigen.


Fünfzig Jahre Achtundsechzig

Im Spiegel des Zeitstrahls »Fünfzig Jahre Achtundsechzig« ergibt sich insofern für eine Tagung ein großes Themenfeld, das in seiner Breite und Weite ausgeleuchtet werden kann, darf und sollte; historische Beiträge sind dabei ebenso willkommen wie systematische. Dazu in Stichpunkten einige Hinweise, Thesen, Fragen und Vorschläge:

  • Die fünf Jahrzehnte von 68 bis heute sind (kulturell) vom Aufstieg und Fall des Pop charakterisiert; hier können im Rückblick die spezifischen wie allgemeinen Konstellationen von Pop und 68 (Musik, Film, Literatur etc., aber auch Farbfernsehen, Mondlandung, Kassetten etc.) untersucht werden.
  • Welche Konsequenzen hat 68 für »Pop« in den Folgejahren, den siebziger Jahren, achtziger Jahren und – nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus – in den neunziger Jahren ff. gezeitigt?
  • Mit welcher begrifflichen und sachlichen Kohärenz lassen sich Pop 68 und Pop 2018 in ein (kritisches) Verhältnis setzen?
  • Von 2018 aus betrachtet: Welchen Stellenwert haben das Jahr 68 und die Zeit, auf die 68 ausstrahlt, auf Retro-Phänomene (Stichwort: Retromania)?
  • Wie relevant sind (heute noch) originäre Popproduktionen aus den 1960ern, 1970ern etc. (›Yellow Submarine‹, ›200 Motels‹, ›Tommy‹, ›The Wall‹ …)?
  • Inwiefern sind Feminismus, Antirassismus, emanzipatorische Politik in den Pop eingegangen? Und umgekehrt: Welchen Einfluss hat Popkultur auf diese Bewegungen?
  • Was bedeuten Schriften wie ›Versuch über die Befreiung‹, ›Der Tod des Autors‹, ›Differenz und Wiederholung‹, ›Grammatologie‹ usw. für den Pop (nach 68)? Was bedeuten Pop-Art und die Factory, was bedeutet die chinesische Kulturrevolution, was die Tropicalia-Bewegung für Pop als sich ausweitende allgemeine Kultur?
  • Was unterscheidet den kapitalistischen Realismus der 1960er / 1970er vom kapitalistischen Realismus der 2000er / 2010er? Welche (Pop-) Alternativen im kapitalistischen Realismus ohne Alternative gibt es?
  • Nach fünfzig Jahren 68: Welche (kulturelle) Lebenserwartungen hat Pop eigentlich? Ist Pop schon tot, oder riecht Pop nur komisch?
  • Die Frage des Pop-Futurismus: Was ist 2068 los? (Und auch: Was ist Pop-Futurismus? Afrofuturismus für alle?)
  • Was bleibt von der frühen Poptheorie (Cultural Studies der 60er & 70er; Dieter Baacke, Helmut Salziger etc.)?
  • Journalismus und Ideologie im Pop (›BRAVO‹).
  • Pop und Krieg (Vietnam, Jugoslawien, Irak etc.).
  • Pop und Politik.

Zehnte Jahrestagung

  • Die zehnte (!) Jahrestagung der AG Pop soll auch Gelegenheit zum Rückblick auf die eigene Arbeit geben, schließlich zur Selbstreflexion auf die Gegenstände Pop(ulär)kultur und Kultur:
  • So wäre die These zu prüfen, ob die Kultur- und Medienwissenschaften eine explizite Gesellschaftskritik weitgehend ersetzt oder verdrängt haben. (Signalisieren sie einen eher affirmativen Umgang mit Kultur, der zunehmend – wenn auch unter das Vorzeichen der Kritik gestellt – eine Konsolidierung positivistischer Wissenschaft bedeutete?)
  • Ist der Vorwurf berechtigt, dass eine »kritische Selbstreflexion« der als Popforschung firmierenden Wissenschaft sich bloß auf die Randbereiche akademischer Professionen, vor allem das weite Feld des Journalismus und Feuilletons, richte und innerhalb der universitär für »Pop« zuständigen Fachbereiche bloß auf Berufsstandswahrung ziele?
  • Welche Relevanz haben die als solche deklarierten »wissenschaftlichen Erkenntnisse« der Popforschung in Hinblick auf gesellschaftliche Probleme?

Schließlich:

  • Wie sind die mit 68 zu assoziierenden (Pop-) Themen mit der AG Pop in Konstellation zu bringen?
  • Wie lässt sich im Rückblick die Arbeit der AG Pop bewerten? Welche Relevanz kommt ihr innerhalb (und außerhalb) der akademischen Popforschung zu?

Proposals

Die Jahrestagung der AG Populärkultur und Medien ist interdisziplinär angelegt und richtet sich an Forscher*innen aller Disziplinen, die sich mit Phänomenen von Pop bzw. populärer Kultur auseinandersetzen. Theoretische, empirische, historische und kritisch angelegte Beiträge sind gleichermaßen willkommen. Eine Mitgliedschaft in der AG oder GfM ist für die Teilnahme nicht erforderlich. Die AG Populärkultur und Medien strebt eine Öffnung für einen international orientierten Austausch an und lädt ein, Proposals für Vorträge in deutscher oder englischer Sprache einzureichen. Wir bitten um Abstracts von nicht mehr als 300 Wörtern sowie eine kurze Bionote (max. 150 Wörter) bis zum 23. September 2017 an: popkongress2018.


Organisationsteam Popkongress 2018

Roger Behrens und Olaf Sanders

E-Mail: popkongress2018

Die Jahrestagung der AG Populärkultur und Medien wird von der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg ausgerichtet: hier (öffnet neue Seite).

Helmut-Schmidt-Universität /
Universität der Bundeswehr Hamburg
Holstenhofweg 85
22043 Hamburg














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Nachwuchs-Panel

Forschungsworkshop
1. bis 3. Februar 2018 | HSU | Helmut-Schmidt-Universität
(Universität der Bundeswehr Hamburg).

Auch im Rahmen der kommenden Jahrestagung bietet die AG als integralen Bestandteil ein Nachwuchs-Panel an, das sich insbesondere an Doktorand_innen und Studierende aller Disziplinen richtet. Die Teilnehmer_innen erhalten im Panel die Möglichkeit, ihre Quali¬fikations-arbeiten vorzustellen und sich mit konkreten Fragestellungen und Problemen an das Fachplenum der AG zu wenden.

Der Fokus des Panels liegt auf den jeweils spezifischen Herausforderungen, die sich bei der Durchführung einer Qualifikationsarbeit ergeben und soll insbesondere offene Fragen, theoretische, methodische und/oder konzeptionelle Herausforderungen thematisieren. Das wesentliche Ziel ist der problemzentrierte, konstruktive, kollegiale und lösungsorientierte Austausch über spezifische Probleme der vorgestellten Work-in-progress-Projekte.

Um diesem Austausch mehr Raum zu geben, als es im Rahmen üblicher Vortrags- und Diskussionsformate möglich ist, ist der Workshop in zwei Phasen strukturiert:

Phase 1: Jeweils 10-minütige problemzentrierte Vorträge der Workshop-Teilnehmer_innen

Phase 2: Gezielter Austausch in ca. 20-minütigen offenen Gruppengesprächen über die referierten Themen, Fragestellungen, Herausforderungen und Probleme.

Organisation:
Sandra Mauler,
Katja Kaufmann,
Frank Beiler

Das Nachwuchspanel ist ein grundsätzliches Angebot der AG Populärkultur und Medien. Einreichungen in diesem Rahmen sind daher ausdrücklich nicht an das Thema der Jahrestagung gebunden, sondern können aus dem gesamten thematischen Spektrum der Populären und Pop-Kultur stammen. Die Teilnahme am Forschungsworkshop ist kostenlos und unabhängig von einer Teilnahme am Popkongress. Wir empfehlen jedoch die Teilnahme an der Jahrestagung, nicht zuletzt, um dem Netzwerkgedanken Rechnung zu tragen.

Ein maximal 2-3 seitiges Proposal mit kurzem Lebenslauf, in dem das Thema, der Stand der Arbeit sowie die konkreten theoretischen, konzeptionellen und/oder methodischen Herausforderungen, die besprochen werden sollen, skizziert werden, bitten wir bis zum 1. Dezember 2017 an forschungsworkshop zu senden.







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Der Popkongress findet im Thomas-Ellwein-Saal statt (im Erdgeschoss des Mensa-Gebäudes der HSU). Zum Lageplan: hier (öffnet neue Seite).

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